90 Jahre Bauhaus

von C.H.

Bauhaus Kateg2Wer die Idee des Bauhauses heute nur auf „Form follows function“ und kalten Minimalismus reduziert, sollte unbedingt nach Weimar fahren. Anlässlich des 90-jährigen Jubiläums finden dort, ebenso in Erfurt und Jena, zahlreiche Ausstellungen statt, die sich mit den unterschiedlichen Strömungen am Bauhaus, dem Konflikt zwischen freiem künstlerischem Schaffen und einer industriellen Massenproduktion beschäftigen.

Walter Gropius, 1928, vor seinem Entwurf zum Tribune Tower von 1922

Walter Gropius, 1928, vor seinem Entwurf zum Tribune Tower von 1922

In einem in Schutt und Asche liegendem Land gründete Walter Gropius 1919 das Bauhaus in Weimar, erwachsen aus der Kunstgewerbeschule von Henry van de Velde. Nur noch wenig ist heute bekannt von der Utopie, aus der die sagenumwobene Kunst- und Gewerbeschule damals entstand: Architektur und Handwerk, Kunst und Musik, Möbel und Textil, Typographie und Fotografie sollten sich in einer Synthese, in einem Gesamtkunstwerk verbinden. „Kunst und Handwerk – eine Einheit“ so lautete das Motto. Am Weimarer Bauhaus stand unter Mitwirkung von experimentierfreudigen Künstlern das Kreative im Vordergrund; mit der Rückbesinnung auf das Handwerk und die Kunst wollte man manuell eine neue Formensprache entwickeln. Es war eine ziemlich bunte Truppe, die sich da in Weimar einfand und das Bildungsbürgertum der Republik schockierte. Die Röcke der Mädchen zu kurz, die Haare der Jungen zu lang und dann war da noch Johannes Itten, der das Zusammenwirken von Form und Farbe in seiner daraus abgeleiteten Farbtypenlehre unterrichtete.

Johannes Itten in der von ihm entworfenen Bauhaustracht

Johannes Itten in der von ihm entworfenen Bauhaustracht

Östlicher Philosophie sehr zugetan, verordnete er seinen Studenten nicht nur eine vegetarische Diät sondern auch rhythmische Bewegungen vor jedem seiner Kurse. Wer zu dieser Zeit durch das Weimarer Bauhaus streifte, dem muss diese formulierte Utopie ziemlich real vorgekommen sein: Laszlo Moholy-Nagy tüftelte an den typographischen Entwürfen der Bauhausbücher, Paul Klee verlor sich in seinen Fingerübungen am Klavier oder entwarf Handpuppen und Wassily Kandinsky kreierte, in seinem pedantisch geometrischem Stil Kostüme. Zu dieser Zeit entstand kein rationales Industrie-Design, sondern verwegen aufregende Entwürfe: Bunt gewebte Textilien von Gunta Stoelzl oder Benita Otte, die primitiver Kunst sehr ähnliche waren. Gedrechselte Krippenfiguren mit lapprigen Ohren.

Marcel Breuer and Gunta Stölzl: The "African Chair", 1921

Marcel Breuer und Gunta Stölzl: Der "Afrikanische Stuhl", 1921

Gunta Stölzl, Jacquardbehang "5 Chöre", 1928, Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck

Gunta Stölzl, Jacquardbehang "5 Chöre", 1928, Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Lübeck

Der „afrikanische Stuhl“, den Marcel Breuer mit Gunta Stölzl zusammen fertigte sah aus wie der opulente Thron eines afrikanischen Häuptlings. Mit den unbequemen Stahlrohrmöbeln, die eine nahezu tyrannisch geneigte Rückenlehne hatten und heute zigfach kopiert und reeditiert werden, hatten diese Entwürfe nichts gemeinsam.

Erst 1925, als das Bauhaus aus Weimar vertrieben wurde und nach Dessau übersiedelte ging seine künstlerische Qualität  verloren. Es bildete sich der rationale, industrielle Stil heraus, auf den das Bauhaus heute reduziert wird. Walter Gropius beschäftigte sich intensiv mit dem Massenwohnbau als Lösung für die sozialen und städtebaulichen Probleme. Man entwarf für die arbeitende Bevölkerung, wollte eine neue Welt schaffen, orientiert am russischen Sozialismus. Auf dem Architekturkongress, der 1929 in Frankfurt stattfand, wurde eindringlich appelliert, Wohnungen für die mindestbemittelte Schicht der Bevölkerung zu entwerfen. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in allen zivilisierten Ländern der Welt.

1931 gewann die NSDAP die Gemeinderatswahlen in Dessau, das Bauhaus – inzwischen unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe – musste 1932 zum zweiten Mal umziehen, diesmal nach Berlin. Aber schon kurze Zeit später, am 19. Juli 1933 wurde die Institution von den Nationalsozialisten zur Auflösung gezwungen und viele der Mitglieder emigrierten und trugen zu einer weiten Verbreitung des Bauhauses bei. In Deutschland wurden die ursprünglich so sozialen Ideen und Gedanken pervertiert und im Dritten Reich völlig ad absurdum geführt. Einst hehere Intentionen wie Nützlichkeit, Rationalität, Funktionalität und Zweckmäßigkeit wurden von der nationalsozialistischen Diktatur nahtlos übernommen und eingespeißt in das Getriebe einer bürokratisch organisierten Diktatur. Nach diesem unglaublichen, nicht fassbaren Genozid stellten die beiden Philosophen Adorno und Horkheimer nicht nur die deutsche Kultur in Frage sondern die gesamte Aufklärung, deren Maxime immer die Erlangung der Vernunft gewesen ist. Die gesamte westlich denkende Welt stand und steht heute noch in Frage.

Die heutige Lage kann nicht mit der Situation verglichen werden, aus der heraus das Bauhaus 1919 entstand. Massengefertigte, industrielle Produkte sind selbstverständlich geworden. Zwar gibt es wieder Tendenzen das Handwerk zu beleben und die verschiedenen kreativen Disziplinen zu vereinen, allerdings vielmehr aus dem Gedanken heraus, emotionale Objekte für einen saturierten Markt zu schaffen, um Begehrlichkeiten bei den übersättigten Käufern zu wecken. Trotzdem gibt es auch Parallelen zwischen damals und heute. Armut, Arbeitslosigkeit und die Zahl der Obdachlosen steigt an. Noch nie war es dringlicher, eine neue Vision zu formulieren. Und vielleicht gab es auch nie einen besseren Zeitpunkt, um sich auf das ganzheitliche Denken der damaligen Bauhaus-Ausbildung zu besinnen.


Zusätzliche Informationen:

Eine detaillierte Auflistung zu den Ausstellungen finden Sie auf der website www.bauhaus2009.de.

Neu erschienen Bücher zu diesem Thema:

Bauhaus – Frauen der Moderne, von Ulrike Müller, erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag, um 25,50 Euro

Gunta Stölzl – Bauhausmeisterin, von Monika Stadler und Yael Aloni, erschienen bei Hatje Cantz, um 29,80 Euro

Modell Bauhaus, mit über 70 Beiträgen internationaler Bauhaus-Experten, erschienen bei Hatje Cantz, um 49,80 Euro.

László Moholy-Nagy – The Photograms, erschienen bei Hatje Cantz, um 78 Euro

Hotel-Tipp in Weimar: Das Hotel Elephant mit der Lyonel-Feininger Suite (dieser residierte schon 1906 im Hotel Elephant) und der seit März neuen Alma-und Walter Gropius Suite. Der Begründer des Bauhauses wohnte 1920 mit seiner damaligen Frau in diesem Hotel. In der Kunstsammlung des Hauses befinden sich Arbeiten von u.a. Kandinsky und Feininger.

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